Schamanismus und die Weisheit der Elfen

Die Unseelie

Das sind die "abbauenden" Geister der Natur. Ihre Zeit sind der Herbst und der Winter, Zerfall, Verwesung und Tod ist ihr Metier. Ihre Herrschaft beginnt traditionell zu Samhain, was im Christentum als Allerheiligen und Allerseelen bekannt ist. Zwar ist Allerseelen ein Totenfest bzw. Ahnengedenken, aber auch die Unseelie haben eine Verbindung zum Tod. Bemerkenswert ist, dass die Alfblots (das sind die Opfer für die Naturgeister) der germanischen Tradition im Herbst stattfinden und auch einen Bezug zu den Ahnen haben.

Zerfall und Krankheit gehören zu den Unseelie, es gibt selbst im heutigen Brauchtum noch vieles, dass auf dieses Wissen hinweist. So ging man beispielsweise zu den Zeiten, wo die Feen ihre Umzüge hatten, nicht außer Haus. Düstere Gestalten wie der Black Shuck (ein schwarzer Geisterhund mit rotglühenden Augen) oder die Banshee (die Todesfee) waren gefürchtet. Überhaupt sind Geisterhunde oft Manifestationen dunkler Feen (Cu Sidhe). In einem Roman über die Feen las ich einmal eine Geschichte über einen Kelpie, ein Geisterpferd, das seine Opfer in die Moore hineinzog. Das Moor als Ort des Zerfalls und der Zwischenreiche (Nebel!) ist ein perfekter Platz für die Unseelie. Es gibt auch Geschichten über Geisterkatzen, die sich auf dem Bett von jemanden, der bald sterben wird, zeigen. In der irischen und schottischen Folklore ist auch von den Sluagh, was man als Heer oder Armee übersetzen kann, die Rede. Die Sluagh gelten als die fürchterlichsten und dunkelsten Feen und werden mit der Wilden Jagd in Verbindung gebracht. Auch sagt man ihnen nach, dass sie die Seelen Sterbender oder von Leuten, die ihren Weg kreuzen, mitnehmen. Da man glaubte, dass sie vom Westen her kamen, öffnete man im Zimmer eines Sterbenden nie das Westfenster. Als Manifestationen der Sluagh gelten am Abend fliegende Krähenschwärme, welche die Seelen derer, über dessen Häuser sie fliegen, an sich reißen. Aus diesem Grund gab es bis in die Neuzeit hinein die Sitte, während der Rauhnächte nach Einbruch der Dunkelheit nicht aus dem Haus zu gehen. Die Dämmerung und die Nacht gilt als die Zeit der Sluagh und der Unseelie.

Selbst in den Perchtenläufen schimmern die Unseelie durch. Da gibt es "schiache" Masken, die die Wintergeister darstellen. Es ist verständlich, dass Herbst und Winter karge, dem Menschen nicht so wohlgesonnene Zeiten sind. Versuchen Sie mal, draußen im Winter zu übernachten! Früher war das Ganze noch wesentlich existentieller: ohne Vorräte, die in der freundlichen Jahreszeit gesammelt wurden, konnte man den Winter nicht überleben. Wolf-Dieter Storl schreibt in einem seiner Bücher, dass er etwa zur Silvesterzeit im Traum einigen Geistern begegnete, die den "Schiachperchten" sehr ähnelten und am Tag darauf Fieber hatte. Hier wird nochmal die Verknüpfung der Unseelie mit Krankheiten deutlich.

Der Charakter der Unseelie ist demzufolge auch wesentlich "herber". Menschen sind ihnen gleichgültig bis lästig. Trotzdem kann man sie nicht als "böse" bezeichnen, denn sie tun ihren Job. Ohne Tod und Zerfall gäbe es keinen Aufbau und keine Entwicklung in der Natur. Das Spiel zwischen den Seelie und den Unseelie kann einem viel über das Leben lehren, und man tut gut daran, sich mit den dunklen Feen zu beschäftigen, auch wenn das nicht immer angenehm ist. Typische Manifestationen der Unseelie sind Wesen wie Maleficent (ja, richtig gelesen!), schwarze Geisterhunde oder Geisterpferde und unheimliche, "spillerig", also dünn und krank wirkende Wesen. Auch "Schiachmasken" mit verzogenen und asymmetrischen Gesichtern oder Gliedmaßen sind typische Erscheinungsformen der Unseelie. Aber Obacht! Die Unseelie können sich auch als sehr schön und anziehend zeigen. So kann die freundliche Fee in den Mooren auch ein Irrlicht sein, das als einziges den Weg heraus kennt, es aber dem Opfer nicht sagt...

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